7 Min. Lesezeit
👉 Die wichtigsten Fakten zusammengefasst:
- Systemisches Coaching betrachtet Veränderungen in einem Teil des Systems als Auswirkungen auf das gesamte System.
- Fünf Grundprinzipien des systemischen Coachings umfassen Ganzheitlichkeit, Wechselwirkungen und Selbstorganisation.
- Agiles Coaching hat oft systemische Elemente und betrachtet Teams, Organisationen und ihr Umfeld.
- Ein systemisches Verständnis hilft Agile Coaches, Teamdynamiken zu verstehen, Widerstände aufzudecken, Ressourcen zu nutzen und klare Ziele zu setzen.

Willkommen in der Welt des systemischen Coachings: Was verbirgt sich hinter diesem Begriff und warum ist systemisches Coaching gerade im Kontext von agilem Arbeiten so wertvoll? Ist agiles Coaching auch systemisch? Und muss ich als Scrum Master, der zumindest in SAFe 6 – zu Recht! – auch als Team-Coach gesehen wird, Ahnung von Systemtheorie haben? Fragen über Fragen, die ich in diesem Artikel beantworten möchte.
Die heutige systemische Beratung – als Oberbegriff für systemische Organisationsberatung, Coaching und Therapie – ist unter anderem aus der soziologischen Systemtheorie von Niklas Luhmann, der Kybernetik, der Psychotherapie, aber auch aus Spiel- und Chaostheorie sowie den Informations- und Kommunikationswissenschaften hervorgegangen.
Weder gibt es die eine zentrale Gründerfigur, noch lässt sich die Geschichte der systemischen Theorie und Praxis mal eben so nebenbei erzählen. Viele kluge Köpfe, geistige Strömungen und methodische Entwicklungen haben sie geprägt.

"Niemand ist eine Insel"
In den 1940er Jahren ging der Anthropologe Gregory Bateson davon aus, dass Veränderungen nicht Sache einer einzelnen Person oder eines einzelnen Faktors sind, sondern dass immer das jeweilige soziale System betrachtet werden muss. Dieses System kann die Familie oder der Freundeskreis sein, jedoch auch das Team, die Abteilung oder das gesamte Unternehmen.
Der Mensch sollte also in Wechselwirkung zu seinem Umfeld, seinen Beziehungen, seinen Kontexten gesehen werden und nicht isoliert. „Niemand ist eine Insel“: Diese Erkenntnis hatte bereits der englische Dichter John Donne im 17. Jahrhundert. Luhmann, Bateson und Kollegen waren also lange nicht die ersten „Systemiker“.
Systemisches Coaching: die Sache mit den Steinen
Die zentrale Idee ist, dass Veränderungen in einem Teil des Systems Auswirkungen auf das gesamte System haben können.
Wenn es bei meinen Coachees um die Frage nach der eigenen Veränderung und der der anderen geht, bringe ich gerne das Bild von einem großen Haufen Kieselsteine an: Stell dir vor, du bist einer davon. Nun bewegst du dich. Die anderen, zumindest zu einem sehr großen Teil, bewegen sich mit. Ob sie wollen oder nicht … Dies gilt auch übergeordnet, nicht nur für Personen, sondern auch für Gruppen oder Organisationen.
Wenn ein Coaching-Ansatz als systemisch bezeichnet wird, dann bedeutet das normalerweise, dass der Coach den Klienten dabei unterstützt, seinen Platz innerhalb des größeren z.B. Unternehmens- oder Familiensystems zu verstehen. Es wird außerdem bedacht, wie seine Aktionen oder Entscheidungen das System beeinflussen und von ihm beeinflusst werden.
Selbstverständlich gibt es auch Ansätze, Methoden und Ziele in Coaching und Consulting, die sich nicht unbedingt mit den komplexen Verflechtungen des gesamten Systems befassen.
Fünf Grundprinzipien des systemischen Coachings

- Ganzheitlichkeit: Der gesamte Kontext des Coachees steht im Fokus – nicht nur das aktuelle Problem oder zentrale Anliegen.
- Wechselwirkungen: Jedes Verhalten hat Auswirkungen auf andere Teile des Systems – und umgekehrt.
- Ressourcenorientierung: Es geht darum, vorhandene Stärken zu identifizieren und Potenziale zu nutzen, statt Defizite „wegzucoachen“.
- Lösungsfokussierung: Die Vergangenheit kann nicht verändert werden, doch es gilt, die Zukunft zu gestalten. Deshalb richtet (systemisches) Coaching den Blick nach vorne.
- Selbstorganisation: Das Konzept der Autopoiesis – so der lateinische Begriff für Selbstorganisation – besagt, dass lebendige Systeme selbstreflexiv sind, also ihre Struktur selbst erzeugen und eigenständig erhalten. Voraussetzung hierfür ist nicht nur die in der agilen Welt sehr geschätzte Fähigkeit, sich an den von außen kommenden Veränderungsdruck anzupassen, sondern ebenfalls die Fähigkeit zur Stabilität. Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Stabilität und Veränderungsbereitschaft ist nicht nur in der systemischen Theorie, sondern auch im echten Leben für Menschen wie Organisationen sehr wichtig. Einem systemisch ausgebildeten Coach ist dies bewusst.
Bereits jetzt ist dir vermutlich klar, dass Arbeitsaufträge, bei denen irgendjemand entgegen seinen eigenen Absichten irgendwohin gecoacht werden soll, zum Scheitern verurteilt sind und deshalb von einem seriösen Coach auch nicht angenommen werden sollten.
Systemisches Coaching in der agilen Arbeitspraxis
Sicherlich konntest du dir die Frage, ob agiles Coaching systemisch ist, inzwischen bereits selbst mit „ja“ beantworten: Agiles Coaching hat oft einen systemischen Charakter.
Denn agile Coaches betrachten nicht nur einzelne Individuen, sondern auch das gesamte Team, die Firma oder den Konzern und das darüberhinausgehende Umfeld wie den Markt oder die Konkurrenz.
Sie erkennen Muster, Beziehungen und Dynamiken und arbeiten daran, auf diese im Sinne eines wachsenden agilen Reifegrades positiv einzuwirken.
Zum Beispiel durch:
- Teamdynamiken verstehen: In agilen Teams sind die zwischenmenschlichen Beziehungen entscheidend. Ein systemisch ausgebildeter Coach kann helfen, diese Dynamiken zu erkennen und positiv zu beeinflussen.
- Widerstände aufdecken: Widerstand gegen Veränderung ist menschlich. Systemisches Verständnis hilft, Widerstände zu erkennen, zu bearbeiten und zu lösen.
- Ressourcen nutzen: Ein agiles Team hat viele Ressourcen - sei es Wissen, Erfahrung oder Fähigkeiten. Ein Coach kann helfen, diese Ressourcen optimal zu nutzen.
- Ziele klar definieren: Für welches Problem soll Agilität die Lösung sein? Wo soll die Reise hingehen? Ein Agile Coach braucht systemisches Verständnis, um das Team dabei zu unterstützen, seine Vision und seine Ziele zu klären.
Folgende Systeme spielen in der Agilität eine Rolle
Das Team: Das Entwicklungsteam, der Product Owner und alle, die direkt an der Produktentwicklung beteiligt sind. Natürlich sind auch der Scrum Master oder der Agile Coach Teil des Systems – hier greift die Kybernetik zweiter Ordnung, die danach fragt, wie sich Systeme durch Beobachter oder ins System eingreifende Handlungen wie Coaching und Beratung verändern.
Die Organisation: Die Abteilungen, Hierarchien und Strukturen, in denen das Team operiert.
Die Stakeholder: Kunden, Anwender, Manager und alle, die ein Interesse am Produkt oder am Prozess haben.
Die Tools und Prozesse: Die Werkzeuge und Methoden, die das Team verwendet, einschließlich des gewählten agilen Frameworks (z.B. Scrum, SAFe oder Kanban).
Das größere System: Dies kann die gesamte Branche, den Markt oder sogar die gesellschaftlichen oder politischen Trends umfassen, die die Wertschöpfung beeinflussen.
Muss ein Scrum Master systemisch denken können bzw. Ahnung von der Systemtheorie haben?
Es ist nicht zwingend notwendig, dass ein Scrum Master formal in Systemtheorie ausgebildet ist. Dennoch ist es sehr vorteilhaft, wenn er oder sie systemisch denken kann. Das Erkennen von Mustern, das Verstehen der Wechselwirkungen im Team und in der Organisation sowie das Betrachten von Problemen aus einer holistischen Perspektive können dazu beitragen, effektiver zu coachen und Blockaden zu identifizieren und zu beseitigen.
Wie kann ich als Scrum Master oder Agile Coach systemisches Denken ins Team bringen?
Mindset ist auch hier das A und O – so kannst du den systemischen Gedanken in deinen Teams fördern:
Reflexion ermöglichen: Regelmäßige Retrospektiven tragen dazu bei, das Team anzuregen, über seine Arbeitsweisen sowie zu beobachtendes Verhalten nachzudenken und Probleme auf Systemebene zu identifizieren.
Fragen stellen: Im Unterschied zur Berater-Rolle, in der ein Berater genau sagt, was zu tun ist und wie die Dinge funktionieren, gibt ein Team-Coach in seiner Rolle keine Lösungen vor – bestenfalls Impulse. Sondern er stellt kluge Fragen, die dazu anregen, über die Zusammenhänge und Wechselwirkungen nachzudenken.
Visualisierung nutzen: Tools wie Systemdiagramme oder Ursache-Wirkungs-Diagramme können helfen, komplexe Beziehungen darzustellen.
Muster aufzeigen: Wiederkehrende Probleme oder Verhaltensweisen sind ein Hinweis auf Muster. Viele Muster laufen unbewusst ab ¬– Stichwort „blinder Fleck“ – und schwächen die Organisation. Ein Agile Coach mit systemischem Wissen bemerkt diese Muster, spricht sie an und hilft dabei, ihre Auswirkung auf das gesamte System zu überprüfen und ggf. zu korrigieren.
Für diese Aufgabe eignen sich externe Agile Coaches häufig besser als interne, die das System bereits verinnerlicht haben. Frei nach Helm Stierlin, einem der Pioniere der systemischen Therapie: „Es kommt immer darauf an, den Menschen im System und das System im Menschen zu sehen.“
Weiterbildung: Workshops oder Schulungen zum Thema Systemdenken können dem Team helfen, die systemische Perspektive tiefer zu verstehen und besser zu integrieren.
Fazit: Was ist systemisches Coaching? Und wie kann es agiles Arbeiten unterstützen?
Agiles Coaching und Scrum-Mastership haben definitiv systemische Aspekte. Menschen, die nicht nur im System, sondern auch am System arbeiten wollen und können, sind für eine gelingende agile Transformation unabdingbar.
Wesentliche Merkmale der Agilität – Inspect & Adapt, Menschen über Methoden, die Bedeutung des Umfelds, die Wichtigkeit von Kommunikation und Unterstützung, Selbstorganisation und mehr – finden sich im systemischen Denken.
Systemisches Coaching ist eine wunderbare Methode, um Menschen und Teams in ihrer Entwicklung professionell zu begleiten. Für agiles Arbeiten sehe ich es als tragende Säule an.
💁 Unser Fazit:
Systemisches Coaching spielt eine entscheidende Rolle im agilen Arbeitskontext und basiert auf der Idee, dass Veränderungen in einem Teil des Systems Auswirkungen auf das gesamte System haben. Dieser Ansatz beruht auf fünf Grundprinzipien, darunter Ganzheitlichkeit und Selbstorganisation. In der Geschichte der systemischen Theorie haben verschiedene Einflüsse und Entwicklungen dazu beigetragen. Agiles Coaching hat oft systemische Elemente und betrachtet nicht nur Individuen, sondern auch Teams, Organisationen und ihr Umfeld. Ein systemisches Verständnis kann Agile Coaches dabei unterstützen, Teamdynamiken zu verstehen, Widerstände aufzudecken, Ressourcen zu nutzen und klare Ziele zu definieren.

👆 FAQ - Häufig gestellte Fragen
Es ist nicht zwingend erforderlich, dass ein Scrum Master formal in Systemtheorie ausgebildet ist, aber ein systemisches Verständnis kann ihm helfen, effektiver zu coachen und Blockaden zu identifizieren und zu lösen, was in der agilen Arbeitspraxis von Vorteil ist.
Systemisches Coaching ist eine Herangehensweise, die betont, dass Veränderungen in einem Teil des Systems Auswirkungen auf das gesamte System haben. Im agilen Arbeitskontext ist es wichtig, da es hilft, Teamdynamiken zu verstehen, Widerstände aufzudecken, Ressourcen zu nutzen und klare Ziele zu setzen.
Es gibt fünf Grundprinzipien des systemischen Coachings: Ganzheitlichkeit, Wechselwirkungen, Ressourcenorientierung, Lösungsfokussierung und Selbstorganisation.









